25.26. August 2013: Hrubieszów
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Wie überall steht Altes neben Neuem. Spurensuche ist nicht leicht. An das Hrubieszow des Jahres 1940 erinnern eher das zweite und das dritte Bild. Aber ich habe eine Vermutung. Das Gebäude hinten links auf dem ersten Foto fällt auf. Es ist größer als andere alte Gebäude, wird nicht mehr genutzt, aber offensichtlich erhalten. Es hat Rundbogenfenster, war mit Sicherheit nicht das Wohnhaus einfacher Leute. Hatte es eine öffentliche Funktion? Welche?

Wieder zu Hause entdeckte ich auf einer Internetseite 'Remember Jewish Hrubieszówich' alte Aufnahmen von Hrubieszóow, darunter eine von der "Großen Synagoge", eine vom Markt. Auffällig sind die Rundbogenfenster der Synagoge im Erdgeschoss und im Obergeschoss. Die Synagogen, Gebetshäuser und anderen Einrichtungen des alten Schtetl sind als solche mit Sicherheit zerstört worden. Gilt das auch jedesmal für die Bausubstanz? Oder sind die wenigen repräsentaiv wirkenden alten Gebäude Zeugnisse des alten untergegangenen, in Holocaust und Krieg vernichteten Lebens. Der Bach ist der Hucpe oder Hucpa. Hinter dem Markt querte und quert ihn eine BrückeBrücke. Rechts davon lag mein Hotel Kosak in der ulica Staszica.

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Die russische Kirche, die Karl fotografiert hat, steht heute noch. Für das klassizistische Haus des napoleonischen Soldaten Du Château hatte der deutsche Soldat keinen Blick. Du Château hat es, als die Große Armee aus Moskau zurück kam in Hrubieszów so gut gefallen, dass er dort geblieben ist. Heute beherbergt es ein kleines lokalgeschichtliches Museum. Informationen über die mich interessierende Vergangenheit fand ich nicht darin. 1940 hatte wohl niemand ein Interesse am Museum (wenn es das schon gegeben hat oder gegeben hatte), die Einheimischen nicht und die Besatzer schon gar nicht.


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Hinter roten Backsteinbauten finden sich militärische Insitutionen. Vermutlich wurden sie auch von der deutschen Verwaltung oder der Wehrmacht henutzt, solange sie in Hrubieszów waren. Ich denke mir, dass Karl dort ein und aus ging oder dort untergebracht war, militärischen Drill und Unterwerfung übte, Befehle entgegennahm und ausführte. Das berührte mich nicht. Neben der Kaserne liegt heute das Hotel und Brauhaus 'Brovar Sułewski' (eine ehemalige Fabrik?). Es war mir empfohlen worden. Leider war es geschlossen. Also blieb auch für diesen Abend ein Źiwiez, mein polisches Lieblingsbier aus der gleichnamigen oberschlesischen Stadt.

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"What the hell are you looking for in Hrubieszów?"

Ich hatte in Lublin im Regen fotografiert. Am anderen Morgen musste ich feststellen, dass in meiner kleinen Canon sich Feuchtigkeit aufs Objektiv gelegt hatte. Es war Samstag Vormittag. Verzweifelt suchte ich nach einem Laden, eine Werkstatt, wo man mir das Gerät auseinanderschrauben und trocken wischen konnte. Die Suche scheiterte an sprachlichen Problemen und daran, dass zwar irgenwo ein "Metro" sein sollte, aber die Wegbeschreibungm nicht funktionierte. In einem kleinen Laden erstand ich am Ende eine genau so kleine Sony-Kamera, fotografiert damit und musste in Hrubieszów feststellen, dass die neuen Bilder auf der alten Canon-Simcard am Computer nicht zu finden waren. Neue Suche; ein halber Tag war weg. Am Ende hatte ich immerhin in einem großen Laden (Saturn en miniature) zwei junge Männer getroffen, die prima englisch sprachen und das Problem lösten. Und die sich sich dafür interessierten, was ich in Hrubieszów suchte. Am Ende hatte ich den Namen eines Mannes iim 25 km entfernten Städtchen Horodło, Herr Kacaj sei einer, der vielleicht etwas über das jüdische Hrubieszów sagen könne.

Am nächsten Tag also ein Tagesausflug nach Horodło. Ostpolen spätsommerlich, ruhig. Abgeerntete Felder. Die Stoppeln werden verbrannt. Das allein gätte genügt, den verrückten Fahrradfahrer die Reise zu motivieren, wenn es in Reiseführern erwähnt würde.


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Zweifaches Kontrastprogramm: 1940: Im Hitler-Stalin-Pakt 1939 gerade neu gezogene willkürliche Grenze. Stacheldrahtbewehrt. Blick der Besatzer auf Feindesland, dem sie noch im einem Nichtangriffspakt verbunden waren. Trügerisch-betrügerische Stille. Der Flus noch unbegradigt.

2013: Der Bug, ein bescheidener, beschaulich dahin fließender Fluss. Polnische Grenzpfähle auf der einen ukrainische auf der anderen. Stille, nicht einmal das Rauschen des Wasser. Angler auf der polnischen Seite, die zugleich die der Europäischen Union ist.

Ein Führer durch das jüdische Krakau meinte, dort verlaufe der neue eiserne Vorhang. Etwas übertrieben, und doch spürbar am Grenzübergang. Zwei Stunden Wartezeit mindestens.

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In Horodło fand ich schnell heraus, wo ich Herrn Kacaj finden würde. Gegenüpber der russischen Holzkirche gönnte ich mir einen Kaffee und erfuhr, dass er ca. 200 m davon entfernt sein Geschäft hatte, ein kleines Geschäft für Baumaterialien: Talmud. FH. Kacaj H., Budowlane Materiały Die Sparte boomt in ganz Polen.

Das Gespräch war dann zunächst ziemlich schwierig, weil keine gemeinsame Sprache wirklich zur Verfügung stand. Ich stotterte, redete mit Händen und füßen. Der freundliche Gesprächsparter wiederholte ein paar Mal die berechtigte Aufforderung "konkretno", "Was wollen sie konkret wissen?" Ich hatte ja nichts Konkretes. Wollte wissen, ob es jemanden gebe, der mir was über das Hrubieszów von 1940 und 1941 sagen konnte, über das Schicksal der Juden wie die auf Karls Foto. Am Ende rief er einen Nachbarn, der in Österreich und Deutschland gearbeitet hat und ganz gut deutsch sprach. Viel erfahren habe ich dennoch nicht. Diese Vergangenheit scheint weit entfernt und ganz aus dem Blick. Vielleicht hätte ich mit viel Geduld und viel mehr Zeit noch jemand gefunden, der sich mit ihr beschäftigt, hätter das eine oder andere erfahren können. Aber angesichts der Entfernung, die noch vor mir lag und der Zeit, die mir blieb, habe ich keine weitere Anstrengung unternommen. An die Begegnung mit Henryk Kacai und Ryszard Skoczylas erinnere ich mich dennoch gerne. Nach den Schwierigkeiten des Anfangs war sie auch dank Ryszards Hilfe freundlich und und am Ende heiter.

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Der jüdische Friedhof in Hrubieszów ist die einzige Spur jüdischen Lebens, die ich entdeckt habe. Die Stadtverwaltung hält den Platz in Ordnung, den Schlüssel bekommt mann in einer städtischen Dienststelle nebenan. Frage: Wann wurden die jüdischen Gräber geschänbdet, der Friedhof dem Erdboden gleich gemacht? Schön ist, dass es diese Gefächtnismauer gibt. Die deutschen Besatzer haben überall in Polen die Friedhöfe zerstört. Die Grabsteine wurden als Pflastersteine beim Straßenbau missbraucht. Es gibt in Krakau ein Museum des galizischen Judentums mit einer Fotoausstellung, die das Vernichtungswerk oder besser das Werk des Unsichtbar Machens des jüdischen Lebens fotrografisch dokumentiert. An eine anrührende Geschichte erinnere ich mich. Ein Grabstein, der als Türschnwelle im Eingang eines Bauernhauses Verwendung gefunden hatte, bis sich der Sohn oder Enkel des Eigentümers in der Zeit des Kriegs bewusst machte, über welche Schwelle man da Tag für Tag trat. Jetzt steht der Stein wieder da, wo er hingört, auf dem Platz des ehemaligen Friedhofs. Die Geschichte zeigt, wie schwierig das Erinnern sein kann.

In Hrubieszów ist es einem engagierten Bürgermeister gelungen, Grabsteinfragmente zusammenzusuchen. Sie wurden in eine Gedenkmauer eingefügt; eine würdige Art, sich des unfassbaren Geschehens zu erinnern. In der zeitlichen undn räumlichen Distanz frage ich mich, ob die Einwohner von Hrubieszów von Zeit zu Zeit innehalten und der Verschwunden, Ermordeten gedenken. In welcher Form?

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