Sergio Ramírez: Margarita está linda la mar, Kapitel 1
nicht autorisierte deutsche Fassung. Mit freundlicher Erlaubnis des Autors übersetzt von Otto Oetz

Ankunft in der Heimat

Die Kathedrale von Le&oacuten; Es war Feiertag. Der Capitán Agustín Prío richtete gerade seine Fliege, die ihm das Aussehen eines Boxschiedsrichters gab, als das Geheul der Sirenen anschwoll und das Zimmer füllte. Er atmete vor Schreck heftig aus und der Atem trübte sein Bild im Spiegel. Er trat auf den Balkon und ein plötzlicher lauer Windstoß schien ihn wieder nach innen zu wehen. Auf der anderen Seite des Platzes flohen Haufen von überraschten Landarbeitern vor dem Gestank der Harley-Davidson- Motorräder, die in der Feuerhitze der Sonne dröhnten und der Karawane den Weg bahnten. Sie hielt schon bald vor der Kathedrale an, während Demonstranten, die von Baumwolltransportern und orangefarbenen Kipplastwagen des Ministeriums für Bau- und Straßenwesen abstiegen, aus den Händen der Kaporale die nach Anilin riechenden Pappschilder entgegennahmen, diese hochhielten oder sich mit ihnen die Köpfe bedeckten. Hinter ihnen kamen Frauen mit kleinen Kindern an den mageren Brüsten und großen an den Händen. Sie alle verloren sich bald unter den wie sie selbst desorientierten Anwohnern und den aus den Wohnvierteln gekommenen Fuß g ängern in roten Mützen, unter breitärschigen Händlerinnen, Limonadenverkäuferinnen mit Hüten, kommunalen Schuhputzern, Lehrerinnen mit kleinen Sonnenschirmen, Rekruten mit kurz geschorenem Haar und verdrießliche Krawatten tragenden Beamten.

Jetzt wiederholtes Türenknallen, Hin- und Hergerenne der in schwarzen Kaschmir gekleideten und in der Hitze kochenden Leibwächter, der Kranz von Thompson-Schnellfeuergewehrträgern, die die gepanzerte Limousine schnell umringten, ebenfalls in trauerschwarzer Kleidung. Und schon stieg Somoza aus, gekleidet in Palm Beach-Weiß, die silberne Zigarettenspitze zwischen die Zähne geklemmt. Er lüftete den Panamahut, um die Demonstranten zu grüßen, welche von ferne her applaudierten. Ein erster Pfiff drang an sein Ohr, „der Hurenbock soll leben, Scheiße" und darauf die Antwort in einer hohl klingenden Welle, die der Hauptmann Prío von seinem Balkon aus hörte. Hinter Somoza erschien die Erste Dame in flaschengrüne, von tieferem Grün gesäumte Seide gekleidet, eine zartgrüne Kappe auf ihrer Lockenfrisur und einen an der Mütze befestigten kleinen Schleier vor dem geschminkten Gesicht. Sie stiegen zwischen einem Spalier aus Soldaten und Leibgarden eilig die Stufen des Vorraums hinauf, wo der Bischof von León sie im Haupteingang der Kathedrale erwartete. Das letzte, was der Hauptmann Prío von seiner Warte aus sah, war der Schein des Blitzlichtgewitters, weil jetzt die Gesellschaft im Mittelgang des leeren Kirchenschiffes weiterging, wobei sie Schritt für Schritt von Soldaten bewacht wurde.

Der Kranz aus Krepplilien und Stoffrosen wartete auf dem dreifüßigen Ständer zu Füßen der Statue des Heiligen Paulus vor dem Grab, das von einem Zementlöwen bewacht war, welcher weinte, und dessen traurige Mähne auf dem ebenfalls aus Zement gegossenen Schild lag. Die Erste Dame, welche das Korsett quälte, das ihre Fleischmassen einzwängte, näherte sich dem Ohr ihres Gemahls. Er hatte aus Achtung vor dem Ort seine silberne Zigarettenspitze samt der noch halb weiter zu rauchenden Lucky Strike an seinen Adjutanten weitergereicht, den Leutnant der Nationalgarde Abelardo Lira. Auch Somoza selbst mit schütterem Haar und Doppelkinn, mit zahllosen tabakfarbenen Flecken auf Nase und Backen,Das Grab Ruben Daríos; quälte ein Korsett, das seine Fleischmassen einzwängte: das leichte, aus Stahlfäden gewebte Korsett, das ihm Edgar H. Hoover mit seiner persönlichen Visitenkarte durch die Hand von Satorius Van Wynckle hatte zukommen lassen.

Man konnte nicht hören, was sie sagte. Aber ich glaube, Hauptmann, daß sie nicht vorhatte, ihren Gatten daran zu erinnern, dass man dem unter dem Gewicht des leidenden Löwen Bestatteten noch in der Nacht seines Todes das Gehirn entwendet hatte, eine leidige Familiengeschichte. Es ist im Gegenteil viel wahrscheinlicher, dass ihre Gedanken zu den Versen flogen, welche er ihr eines Tages auf ihren Jungmädchenfächer geschrieben hatte:

La perla nueva, la frase escrita
Por la celeste luz infinita,
Darán un día su resplandor;
¡ay, Salvadora, Salvadorita
no mates nunca tu ruiseñor!

Neue Perle, geschriebener Satz,
eines Tages werden sie
durch das unendliche Licht des Himmels
deinen Glanz verbreiten
Ay Salvadora, Salvadorita,
Pass auf, dass keiner dir dein kostbares Vögelchen tötet...


Das gutgefütterte, fette Vögelchen nickte und lächelte. Der Goldschmied Segismundo, einer der Stammgäste der Mesa Maldita, einem Stammtisch, dessen Getreue sich aus alter Tradition gegenüber im Haus Prío zu versammeln pflegen, von wo aus auf einem Balkon der Hauptmann Prío jetzt über den Platz blickte, er hätte, wenn es ihm erlaubt gewesen wäre, vertrauensvoll gefragt, obwohl er die Anwort doch kannte: „Wann ist es denn passiert, Salvadorita?"

Diese Einmischung ist nicht möglich. Deshalb lasse ich es damit bewenden, dass das Gesicht der Ersten Dame, erbarmungslos geschminkt und noch erbarmungsloser gealtert, sich seinerseits im schnellen Spiegel der Wasser der Zeit anschaut. Möge das unsichtbare Fallen eines Steins die transparente Wasseroberfläche in Wellen bewegen, damit sie in der Tiefe das zitternde Abbild des wie ihre Schwester Margarita in Organtin gekleideten zehnjährigen Mädchens sehe, beide unter italienischen Strohhüten, mit zwei über ihren Schultern herabfallenden Bändern, daß sie sich in dem von den Wellen bewegten Boot sitzend sehe, in dem einige von euch sich Platz zu finden beeilen müssen.

Das Grab Ruben DaríosEs ist der Morgen des 27. Oktober 1907 und von Weitem sieht man schon die Pacific Mail war, auf deren Deck andere unter euch steigen sollten, denn dort kehrt der in sein Heimatland zurück, der hier unter dem Zementlöwen ruht.

Der Steamer wendet seinen Bug in die Bucht von Corinto, als der Morgenhimmel vor den Augen des Passagiers einen brennenden Wald erscheinen lässt. Er saß an der Reling, hatte sich lange vor dem Morgengrauen auf die Steuerbordseite begeben, begierig darauf, das Relief der Küste zu entdecken, das nun begann, sich in Grautönen zu zeigen. Und während die Sternbilder verblassten, entdeckte er in der Ferne die Vulkane der Cordillera de los Maribios, die er zum ersten Mal wahrgenommen hatte, als er an einem anderen, lange zurückliegenden Tagesanbruch zu einer Reise nach Chile aufbrach.

Er hatte sich unter dem schwachen elektrischen Licht der Kajüte in einem Anflug eher unsicherer Knickrigkeit angekleidet und hatte dabei den Anzug aus weißer Seide ausgesucht, den ihm sein Schneider im Faubourg Saint Honoré Monsieur Maurice Vanccopenolle, zum Preis von dreißig Goldtalern nach Maß angefertigt hatte, dazu eine blass-blaue, mit einer Perle angesteckte Krawatte und die gestreifte „sportsman"-Mütze. Der Schnurr- und der Kinnbart, sorgfältig gepflegt mit den Friseurscheren, die er in seinem Reisenecessaire mit sich führt, schließen das verquollene, farbig aufgeblähte Gesicht.

los volcanos Los MaribiosDer Kater nach dem Zwei-Sterne-Cognac Martell, den er den holländischen Matrosen abgekauft hatte, und den er in seiner bratofen-heißen Kajüte alleine vor Mitternacht bis zur Neige geleert hatte, löchert noch seinen Schädel, wobei die Übelkeit noch verstärkt wird durch den Teergeruch und die Ausdünstungen von Küchenabfällen, die der salzige Wind über das Deck durch die Luken im Schiffsrumpf treibt.

Als das Lot die Tiefe von dreißig Ellen anzeigt, erhalten die Heizer von der Kommandobrücke aus vom zweiten Kapitän durch das tragbare Sprechrohr einen Befehl. Sie lassen die Schaufeln fallen und hören auf, die Feueröffnungen der Kessel zu versorgen. Die Kolben lassen in ihrem unaufhörlichen Hin und Her nach und der Rauch aus den Schornsteinen geht in ein intensives Schwarz über, als die Maschinen an Kraft verlieren und dann ausgehen. Dann ertönt drei Mal ein Pfiff wie das Heulen eines Rinds im Schlachthaus. Die dickgliedrige Kette springt durch die Luke an der Seite des Bugteils und befördert den Anker auf Grund. Als die Greifhaken auf dem Sandbett der Bucht den Boden berühren, bäumt sich die Pacific Mail auf, geht aber schnell von rauhen Bewegungen zu einem sanften Sich-Wiegen über.

Auf einem der Felsenriff vor der Isla del Cardón leuchtet ein kurzer Feuerblitz auf; gleich darauf erscheint eine kleine Rauchfahne.

los volcanos Los MaribiosDie von zwei Artilleristen ohne Schuhe und in grauem Kittel bediente Horwitzer-Kanone dröhnt in den glutheißen Felsen und zerstreut ihre Echos in der dunstigen Atmosphäre; die Möwen fliegen erschreckt auf und suchen Zuflucht im Mangrovengehölz.

Ein paar Boote tauchen ihren Bug in den violetten und scharlachroten Schaum; ihre Leinensegel sind an den Masten eingerollt. Sie nähern sich von Ruderschlägen angetrieben und werden von Seeleuten ohne Hemden an Heckrudern gelenkt. Der Reisende lehnt sich, von den begeisterten Rufen angezogen, die von den Booten zu ihm hinaufsteigen, über die Reling, über sich die kupferrote Bombarde der Lüftung für die Kessel, die sich faul in Richtung Wind dreht. Mit der erhobenen Mütze erwidert er die Grüße der Herren, die ihre Stöcke, ihre Saiteninstrumente und Hüte hoch heben, und die der Damen, die unter ihren Sonnenschirmen aus Minardístoff schreien, weil sie den Anschein erwecken wollen, sich vor dem Hin und Her der Wellen zu fürchten.

Im Bug des ersten Boots steht der gelehrte Louis Henri Debayle. Er sucht das Gleichgewicht zu halten, während er gleichzeitig heftig mit seinem Hut winkt, als wäre er eine Signalflagge. Er ermutigt den Bischof, Monsignore Simeón Pereira y Castellón, der ängstlich neben ihm hin und her schwankt, sich ebenfalls zu erheben. Der Bischof Simeón wagt es kaum, den Bootsrand loszulassen, um seine Mütze zu schwingen; seine Soutane und sein Umhang sind nass von dem aufgewühlten Wasser. Am Ende aber löst er ein wenig das Gesäß von der Bank und ruft mit aller Kraft: „Er lebe hoch, der Fürst der Schwäne, meine Herren!"

Die Kanonensalven dröhnen weiter und die Boote manövrieren, um seitlich an dem vom Schiffsbohrwurm angegriffenen Schiffsleib anzulegen. Die Seeleute auf Deck, die sich um die Kanonenschüsse und das Geschrei nicht kümmern, bringen den an einem Kabel aufgehängten Metallkäfig in Stellung und lassen ihn, sobald ihn der Reisende betreten hat, hinab, indem sie mit Muskelkraft die Rolle des Krans in Bewegung setzen. Der am Ausleger des Krans aufgehängte Käfig, dreht sich heftig um sich selbst, während er die Augen zudrückt und sich angsterfüllt an den Gitterstäben festklammert, wie ein krankes Raubtier. Bisher hat er fünfzehn Kanonenschüsse gezählt. Die Frauen werfen ihm Hände voll Blumen zu, die von den Gitterstäben abprallen und ins Wasser fallen. Dem gelehrten Debayle gelingt es, den Käfig bei einer seiner Drehungen zu packen. Indem er den Riegel aufmacht, hilft er ihm, über den Rand des Bootes zu rutschen. Die Blumen erreichen jetzt ihr Ziel und treffen ihn, glänzend und leicht, an der Brust und am Bart.

Ruben DaríoEr sucht eine Sitzmöglichkeit auf dem Querbalken neben Casimira, der Gemahlin des gelehrten Debayle, die ihn auf beide Backen küsst und dafür sorgt, dass auch ihre beiden Töchter Salvadorita und Margarita ihm einen Kuss geben. Dann empfängt er eine eilige Umarmung des Bischofs Simeón. Es ertönen Mandolinenarpeggios in hohem Tremolo und im Nachbarboot verschränkt eine große Frau mit brauner Haut, mit dichten, zusammengewachsenen Augenbrauen, ihre Arme, um Verse von ihm zu rezitieren, die die Winde des Pazifik zerstreuen und wegtragen.

„Als mein Boot, da es sich auf den Weg nach Kithera aufmachte, die Wellen grüßte, antworteten die Wellen mit einem frohen Gruß von Frauenstimmen..."

Er wendet der Frau den Kopf zu und folgt konzentriert dem Vortrag, wobei er seine Lippen bewegt.

„Sie ist wie ein Bild von Beardsley, sagt er zu sich selbst, Schnee, Kohle und Asche."

„Es ist meine Nichte Eulalia", murmelt ihm Casimira ins Ohr.

„Verheiratet?" fragt er sie, ebenfalls flüsternd und der Degenstich seines Atems läßt sie die Nase rümpfen.

„Ruben Darío, der Unverbesserliche", lacht sie wohlgefällig, „Verheiratet, und sogar sehr verheiratet."

Die Kanone hört zu schießen auf. Die Boote fahren jetzt zwischen den Inseln in die Einfahrt zur Bucht. Dabei lassen sie eine Spur aus im Schaum des Kielwassers durcheinander gewirbelter Blumen hinter sich zurück. Geblendet von den Feuern des Morgenhimmels schließt er die geschwollenen Augen halb.

Die Reise von Panamá in der Pacific Mail, einem Lastschiff mit wenigen Kajüten für Passagiere war eine Höllenqual: ein Schiff voller finsterer Banditen, Spitzbuben eher als Seeleute, und der Kapitän ein cholerischer Lutheraner aus Leiden, Bibelprediger in schlechtem Spanisch und dazu noch Abstinenzler, mit dem er sich den Tisch zu teilen gezwungen sah, er und der salvadorenische Viehzüchter Don Leandro de Sola mit seiner Tochter Clelia als einzige Passagiere, das Mädchen mager und den ganzen Tag lang nach viel zu berauschenden Essenzen riechend. Es verlangte von ihm, dass er ihr Verse ins Album und sogar auf die Servietten des armseligen Abendessens - immer nur Kohlsuppen wie in einem Hospiz – schreibe.

Ruben DaríoWie anders die Reise von Cherbourg nach New York in dem eindrucksvollen Schiff der Compagnie Générale Transatlantique, La Provence: der napolitanische Diener immer dienstbereit in seiner Nähe; der Tisch des liebenswürdigen Kapitäns, Monsieur Daumier, an dem er jeden Abend einen Ehrenplatz hatte; Rhone- und Chinonwein des hervorragenden Jahrgangs 1903; das Kammerorchester täglich ab nachmittags auf der Vorbühne des Speisesaals, der mit Früchtearrangements darstellendem Stuck verziert war; die eindrucksvollen flämischen Kneipen auf den mit reicher florentinischer Seide tapezierten Wänden und die Lüster aus böhmischem Glas, die in ihrem Gehänge ihren Elfenbeinglanz vervielfachten; der diskrete Umgang mit Frauen: Perlenketten aus Bassora, die aus Locken auf marmorfarbene Stirnen fielen; ein magischer und zerstreuter Schlag mit dem Fächer auf die Lippen als Einladung zum Flirt.

Und vorher der Pullmanwagen, der ihn von Paris nach Cherbourg gebracht hatte, das reichhaltige und angenehme Abschiedsessen mit seinen Freunden im Restaurant der Gare St. Lazare am Abend der Abreise, wobei alle ihn vor der Maligna, der Bösen, schützten, weil sie fürchteten, daß sie plötzlich auftauchen würde, um ihre Drohung wahrzummachen, ihm das dunkle Fläschlein Vitriol ins Gesicht zu schleudern, das sie immer in der behandschuhten Hand mit sich führte. Sie war dann im letzten Augenblick erschienen, als er schon im Schlafwagen in Sicherheit war, und er sah sie durch die Fenstergardinen auf dem Bahnsteig mit Julio Sedano, seinem Privatsekretär diskutieren, der sie nicht durchließ, ein echter copain, Sedano. Und er sah, wie sie für einen Augenblick dem Fenster des Pullmanwagens nahe kam; er sah den teuflischen Blitz in ihren grünen Augen.

„ La Maligna", was für ein Name, lacht Casimira. Weißt du schon, dass sie vor dir in Nicaragua angekommen ist. Sie erwartet dich in Corinto, mon pauvre ami; man sagt, sie sei voller Reue.

„Wie?" Er erbleicht. Sie ist doch in Paris geblieben... Sie hatte eine Arbeit in der Hutschneiderei von Madame Garnier..."

„Ich weiß nicht..., Ich habe gehört, daß sie das erzählt... Du amüsiertest dich New York, und sie... schneller als du..." lacht Casimira wieder.

Und der Springquell ihres Sängerinnenlachens sagt viele Dinge. "Ich habe mit ihr nichts zu tun. Eine vulgäre und streitsüchtige Frau aus einer Hutwerkstatt, die unter der tropischen Sonne eine Hermelinstola trägt, was habe ich mit solchem Gesindel zu tun?"

La Maligna schon zurück! Warum sollte er also weiterhin nichts erzählen? In New York vergnügt, ja doch... ein Kabarett mit dem Namen One, Two, Three, in dem er die Liebesdienste einer dominikanischen Hetäre mit einem Sonett bezahlte, dann der Hafen von Colón in Panamá, die Kräne der Kanalbaustellen vor dem kreidefarbenen Himmel, die Arbeiterunterkünfte, in denen das Rassengemisch kochte, Chinesen und Schwarze bunt gemischt, in den Sümpfen brütende Moskitoschwärme, die Hitze der Teerkocher und Kerosingestank; Toilet-rooms für Weiße und für Neger getrennt: aseptischer Fortschritt auf Yankee-Art. Und am Ende die Schrecken der Pacific Mail.

Die Boote queren schnell die Brandung, indem sie die Wellenkämme erklimmen, und erreichen den Strand, an dem die Kraft der Wogen erlischt. Die Seeleute springen ins Wasser, um die Boote an Land zu schleppen, indem sie sie auf Baumstämmen rollen lassen. Sobald sie auf Grund laufen, nehmen sie die Passagiere in die Arme, um sie auf der sanften Fläche der Küste am Fuße der glühenden Düne abzuladen.

Und als er die Füße auf den Sand setzt, entdeckt er unter den Wipfeln der Kokospalmen eine bunte Menschenmenge, die unter großer Anstrengung ihre Rufe zurückhält und am Ende doch in fröhliche und laute Hochrufe ausbricht, als das Orchester de los Supremos Poderes den Marsch Welcome intoniert, den ihr Dirigent, Saturnino Ramos für diese Gelegenheit komponiert hat. Die Musiker, alle Altersstufen und Größen sind vertreten, tragen blaue Uniformröcke, kämpfen mit den Noten und pusten in die Mundstücke ihrer Instrumente, ohne die neugierigen Augen von dem Ankömmling abzuwenden. Dann löst sich ein barfüßiger Junge aus der Menge und kommt ihm entgegen gelaufen, der dichte Haarwuschel vom Seewind durcheinandergebracht; er trägt mit größter Anstrengung die Fahne Nicaraguas, die mit Angst erregender Energie an einer Lanze flattert, die in einem rautenförmigem Blatt und darüber einem Halbmond ausläuft..

Benommen bemüht er sich, den klebrigen Sand von den Hosenbeinen zu schütteln und sucht zugleich ängstlich das Gesicht der Maligna. Sie ist nicht da und er kann jetzt, von nichts behelligt, wahrnehmen, dass die Menge sich nähert und ihn eilig in lautem Wirrwarr umgibt. Und die Rufe, die begeisterten Hurras und das Rauschen der Wellen, das die Musik übertönt, lassen ihn von ihr nichts als das rauhe Schnauben des Tuba aus glänzenden Kupfer hören, das die Goldtöne der Sonne kopierend blitzt. Und er fühlt bald seine Arme mit Zweigen, die die Seide seines Anzugs nass machen, mit Blumen- und Fruchtkörben beladen, die er mit höflichen Verneigungen des Kopfes entgegennimmt und schnell in die Hände seiner engsten Freunde weitergibt, während er versucht, auf die Düne zu klettern, wobei er sich mit dem Battisttaschentuch den Schweiß abwischt, der ihm von der Stirn und vom Hals rinnt. Dabei bahnt er sich den Weg unter all den Begeisterten, die sich um ihn herum drängeln, weil sie ihn spüren, seinen Anzug berühren und seine Hände küssen wollen, vorneweg der Junge mit dem Wuschelkopf, der die Fahne von Nicaragua trägt, und als Nachhut der Prozession die Musiker der Kapelle Supremos Poderes, die darum kämpfen, den kriegerischen Marschrythmus nicht zu verlieren, weil ihre Füße in dem weichen Sand einsinken.

Der Bischof Simeón, der immer wieder schreit „Es lebe der Fürst der Schwäne" und der gelehrte Debayle, dieser stolz und umsichtig, marschieren an seiner Seite, versuchen, ihn gegen den begeisterten Ansturm zu verteidigen. Und der gelehrte Debayle fragt zornig und doch glücklich, was dieser ganze Unsinn soll. Mit beherrschtem Lächeln antwortet der andere ihm und streicht sich dabei den Bart, dass das alles noch nichts sei; in León werde es erst ein großartiges Opferfest geben.

„Mein Palmsonntag, Monsignore", wendet er sich an den Bischof Simeón.

„Dein Rom und dein Jerusalem" beeilt sich der Bischof Simeón es ihm gleich zu tun, wobei er die Soutane rafft, weil die rauhen Stöße ihn daran hindern, Schritt zu halten.

Endlich gelangen sie an den Pfahlzaun, der den Garten des Hotels Lupone umgibt; er ist bepflanzt mit Mangos, Icacos und Kokospalmen. Das baufällige, weiß getünchte Holzhaus läßt seine Balkone aus dem Grün nach oben steigen und über dem Spitzenwerk der Mansarde erhebt sich das von einer eisernen Wetterfahne gekrönte Türmchen. Auf der anderen Seite der vom Regen aufgeweichten Straße, in der die Schweine nach Abfällen suchen, Bahnhofstraßewartet in der Halle des Bahnhofs der Expreßzug, n welchen der Präsidentenwagen angekoppelt ist. Der General José Santos Zelaya hat ihn zur Verfügung gestellt, mit blumengeschmückter Lokomotive. Die Soldaten aus der Garnison der Hafenstadt halten die Menge mit aufgepflanzten Bajonetten zurück, um der Gesellschaft den Eingang ins Hotel zu ermöglichen, wo das Diner zum Empfang des Gastes stattfinden wird.

Im Speisesaal sind ungleiche Tische zu Gruppen zusammengeschoben. Sie sind mit gestärkten Tischtüchern gedeckt, die Casimira aus León mitgebracht hat. Auf den Tischtüchern stehen mit Jagdszenen bemalte Porzelanvasen: die nackte Venus und ihre Windhunde, wie sie aus einem schattigen Gehölz hervorbrechen. An die Zwischenwände hat man Kokospalmenwedel befestigt, in die Rosen eingeflochten sind.

Die vielköpfige Gesellschaft paßt nicht an die Tische und eine große Zahl Herren, unter ihnen der Hafenkommandant, stolz in seinen nach Bitumen riechenden Stiefeln, müssen hinter den zu Tisch Geladenen stehen bleiben. Die lassen sich auf Peddigrohrstühlchen, Schemeln, Bänken und Wiegestühlen nieder, die aus den Gastzimmern und sonstigen Räumlichkeiten des Hotels herbeigeholt wurden, die nun völlig leer sind Der Reisende in der Mitte, und immer noch zu seinen Seiten der gelehrte Debayle und der Bischof Simeón, belegen ein Weidenkorbsofa. Casimira und ihre beiden Töchter, ihre Nichte Eulalia sitzen in ihrer Nähe.

Toast. Der gelehrte Debayle erhebt sich, um einen Trinkspruch auszubringen, wobei er eine kurze Rede improvisiert. Man hat vergeblich alles versucht, um den Champagner zu kühlen. Jetzt füllt er lauwarm die Gläser und hört sofort auf zu perlen. Ruben leert seines schnell im Sitzen und füllt es neu. Der gelehrte Debayle schaut ihn mit sanftem Vorwurf an, als er seine Rede zu Ende bringt.

„Scheiße. Du bist mir mit dem Trinken zuvorgekommen. Welche Sucht", sagt er zu ihm und hält das Glas an die Ränder seiner dunklen Lippen.

„León erwartet dich, dein León", greift Casimira taktvoll ein und zieht dabei die beiden Mädchen auf ihren Schoß, die gelangweilt von ihren Stühle herunter wollen. „In Managua warten sie auf dich. Überall. Aber wir werden dich nicht so schnell aus León fort lassen..

Er zieht mit einer brüsken Bewegung sein Battisttaschentuch aus der Tasche seiner von den vielen Umarmungen malträtierten Jacke und wischt sich die Lippen ab. Seine breiten Nasenflügel weiten sich, die Knorpel an der Basis sind breit, die Nasenlöcher mächtig. Seine Augen, in denen ein von seinem Atem angefachter Funke aufblitzt, richten sich auf Eulalia. Er reicht ihr das Glas mit gebieterischer Geste, damit sie es ihm füllt. Aber die Flasche ist leer.

Da nähert sich von vorne der barfüßige Junge mit einer neuen Flasche dem Tisch, der mit dem Wuschelkopf. Er hält sie mit großer Anstrengung in seinen Händen, als sei sie genau so schwer wie die Fahne. Der gelehrte Debayle entfernt mit einer resignierten Bewegung seiner Hand die Staniolhülle am Hals der Flasche, um sie zu entkorken. Dabei dreht er ihm den Rücken zu, besorgt, niemand nass zu spritzen, wenn der Schaumstrahl aus der Flasche springt. Als der Korken erneut knallt, erklingt Applaus. Er erhebt sich herablassend, um dem Reisenden mit eigener Hand einzuschenken.

„Nein, nicht du", weißt der ihn zurück und richtet seine Augen wieder auf Eulalia.

Der gelehrte Debayle stellt die Flasche auf den Tisch und setzt sich verdrossen. Eulalia nimmt die Flasche und kommt um das Sofa herum; dann füllt sie, ganz wie es sich gehört, das Glas.

„Und dein Gatte?" fragt er sie, indem er brüsk nach ihrem Arm greift.

„Ihr Gatte ist unpässlich", beeilt sich der gelehrte Debayle zu antworten. „Irreparabler Kreuzbeinbruch"

„Wenn er invalide ist, dann bestimmt, weil du ihn behandelt hast. Noch einer mehr, der dein Opfer wurde", lacht Rubén, ohne den Arm von Eulalia loszulassen.

Der gelehrte Debayle, ein wenig aus der Fassung gebracht, schlägt einen neuen Trinkspruch vor. Die Flasche geht um den Tisch und ist bald wieder leer.

„Mir gefällt die Art, wie du deklamierst. Kithera, die Insel der Aphrodite, wie sie Watteau gemalt hat. Aber wenn du schweigst, gefällt es mir besser", bringt er endlich hervor. „Mehr Champagner bitte."

Eulalia geht zu ihrem Platz zurück. Und als der Junge mit einer weiteren Flasche erscheint, streckt er die Hand über den Tisch nach ihm aus und packt ihn am Ärmel seines Popelinhemds.

„Und du, wie heißt du?", fragt er.

Das Kind kann nicht mehr tun als den Blick auf seine nackten Füße hinab zu richten. Der gelehrte Debayle unterrichtet ihn ungeduldig, der Junge heiße Quirón.

„Quirón?" Die verwunderte Frage Rubéns schwingt in der heißen Atmosphäre lange nach.

„Erinnerst du dich an die Ausgabe von „Prosas profanas", die du mir aus Paris geschickt hast?" fragt ihn der Bischof Simeón.

„Ich erinnere mich sehr gut daran", antwortet er. Die argentinische Ausgabe von 1896. Es war mein eigenes Exemplar. Ich habe keines mehr.

„Das hast du mir in dem Brief mitgeteilt, der mit dem Buch ankam. Bei der Gelegenheit staunte ich zum ersten Mal über das Gespräch mit den Kentauren. Und so wurde Quirón geboren, mit deinem Gedicht, und mit dem Jahrhundert." Der Bischof Simeón streckt lächelnd die Hand aus, an der sein Bischofsring funkelt, um Quirón heranzuwinken. Das Kind gehorcht.

„Und wer ist sein Vater?" fragt Rubén den Bischof Simeón.

Es entsteht eine seltsame Stille. Dann, nach einem Augenblick, lächelt der Bischof wieder.

„Eines Tages werde ich, und zwar dir alleine, die Geschichte von Quirón, dem Kentauren erzählen", sagt er ihm.

„Quirón der Kentaure", sagt Rubén, „Der unvergängliche Ruhm der schönen Musen..."

Er trinkt noch einmal und wischt sich, weil er sein Battisttaschentuch schon vergessen hat, den Mund am Ärmel der Jacke ab.

„... und das schreckliche Geheimnis der Dinge..." antwortet Eulalia von ihrem Platz aus.

Er erhebt das Glas in ihre Richtung. Dann ruft er mit ernster Stimme Quirón. Der Bischof Simeón spricht zu dem Kind und schiebt es sanft zu Rubén. Der stellt das leere Glas ab, steht auf und nimmt den Kopf des Jungen in beide Hände.

Das Kind möchte zurückweichen aber die Hände halten es unerbittlich, greifen immer fester zu. Ein dumpfes Geräusch wie das in Muscheln füllt seinen Schädel. Und dieses Geräusch benimmt es so, dass es ohnmächtig zu Boden rollt.

Casimira stößt einen Schrei aus, den sie kaum ersticken kann, indem sie die Hände vor den Mund hält, und Margarita versteckt sich schnell in ihrem Schoß. Salvadorita weint vor Schrecken. Rubén setzt sich wieder auf seinen Stuhl. Eulalia, schaut ihn finster blickend mit einem unerschrockenen Lächeln an. Der Bischof Simeón eilt herbei, kniet sich und fächert dem Kind mit seiner Mütze Luft zu; der gelehrte Debayle erhebt sich ebenfalls, verdrießlich, und schickt jemand zum Zug, sein Köfferchen zu holen.

Als der Junge, durch die Ammoniak-Salze wieder belebt, sich auf den Boden setzt, weint er nicht; in seinen Augen zeigt sich keinerlei Angst.

Bahnhof, heute Kulturhaus„Jetzt ertrage die Brandwunde, Quirón. Die Sehergabe ist ab jetzt in deinem Schädel" sagt Rubén mit schwerer Zunge.

Fast niemand hört, wie er das sagt, niemand achtet auf seinen Satz, weil die Blicke sich zur Türe hinwenden. La Maligna. Eulalia hat sie als Erste gesehen. Und jetzt sieht er sie, ihre schmale, braune Silhouette im Lichtschein der Tür. Sie trägt dasselbe perlgraue Kleid wie bei ihrem Abschied unter dem Laubengang der Pagode, in Camaret sur Mer bei Brest im letzten Sommer, denselben Sonnenschirm und den gleichen Hut mit dem Federbusch. Ihre grünen Augen fordern ihn schon seit einer Weile heraus. Sie hat noch nicht gesprochen; er aber weiß schon, ihre Spucke wird, wenn sie spricht als kleiner Wasserstrahl aus den Mundwinkeln spritzen. Ihr Bruder, Andrés Murillo ist, schwarz gekleidet wie ein Totengräber, ein paar Schritte hinter ihr stehen geblieben.

Die Metallspitze des zusammengefalteten Sonnenschirms zielt Eulalia wie eine moralische Waffe genau zwischen die Augen, dort, wo sich ihre dichten Augenbrauen in einem dunklen Knoten treffen. Und die Anwesenden sind in ihren Gesten erstarrt wie unter einem Magnesiumblitz.

„Wer ist diese Nutte?" sagt sie schließlich zornig.

„Und was machte dann Rubén?" fragt Norberto. Norberto scheint immer frisch gebadet zu sein. Unter dem Doppelkinn drängt die an einer Kette hängende kleine Medaille in das Brusthaar. Am Handgelenk trägt er einen Armreif mit seinen Initialen. Gekleidet ist er in weißes Leinen: Hose und Hemd. Sein Haar erhält Glanz durch die Brillantine Yardley.

„Er schob das Sofa beiseite, das ihn behinderte; ging ihr eilfertig mit offenen Armen und liebedienerischen Schrittchen entgegen", sagt der Goldschmied Segismundo; er trägt einen Tirolerhut mit hoher Feder. Er ist aufgestanden, um Rubéns Schritte Richtung La Maligna nachzuäffen. Von den anderen Tischen aus beobachten ihn verstohlen und belustigt die anderen Gäste, die zu der Stunde noch im Lokal sind.

„So war es", sagt der Capitán Prío und mit seiner kurzen Statur erhebt er sich aus seinem Sessel, um den Rauch seiner Zigarette nach oben zu blasen, der sich in ein leichtes Gewölk auflöst. „Er wollte sie küssen. Es gelang ihm aber nur, ihr die Backe zu streifen, weil sie ihm das Gesicht mit einer Gebärde des Abscheus entzog und dabei tadelnd sagte: „Es ist noch früh am Morgen und schon stinkst du nach Alkohol. Schämst du dich nicht?"

„Hör nicht auf Erfindungen, Meister", sagt Erwin zum Goldschmied Segismundo. „Rosario Murillo war noch nicht einmal nach Nicaragua zurückgekommen. Sie kam eine Woche später mit einem anderen Boot, ebenfalls aus Panamá. Dieses Schiff war die Bernardo O’Higgins unter chilenischer Flagge.

Erwin trägt eine Baskenmütze. Er sprudelt beim Reden über, stottert. Bartlos und rosig wie das glückliche Baby der Mennen-Reklame, scheint er zu groß für den Tisch. Seine Fingernägel zeigen die Spur von Druckerschwärze.

„Ich glaube nicht, dass es erfunden ist, mein Freund, hier ist alles notiert", sagt der Goldschmied Segismundo und macht sich daran, im Heft von Rigoberto nachzusehen. "Sie hat ihn bei der Hand genommen und weg geführt. Er leistete keiner Widerstand. Er ließ sich an Zaumzeug und Zügel führen wie der Schwan Lohengrins.

„Der göttliche Absinth hatte ihm den Geist zerstört", sagt der Capitán Prío betrübt und schaute dabei den Ringen des Rauchs hinterher, die sich an der Decke des Raums auflösten.

„Ich halte mich an meine Aufzeichnungen", sagt daraufhin Rigoberto, und schaut auf einer Seite seines Heftes nach, „Die Bernardo O’Higgins kam am 25. Oktober in Corinto an, um Zedernholz, Ipecacuana und Kaffee zu laden. Sie wurde von ihrem Bruder, Andrés Murillo, empfangen. Sie quartierten sich im Hotel Lupone, in den Zimmern fünf und sieben ein, um auf die Ankunft Rubéns zu warten. Der Hafenkommandant bezahlte auf Anweisung der Regierungsspitze die Rechnung.

Rigoberto ist dieser dunkelhäutige, hochgewachsene Bursche mit gekräuseltem Haar und einem dichten Schnurrbart über den fleischigen Lippen, der gerade Tuttifrutti-Fruchteis gegessen hat. Er hat schon zwei Glas geleert.

„Ist doch jedenfalls ganz natürlich, daß sie in der Hafenstadt geblieben ist, um auf ihn zu warten, wenn sie Gemahl und Ehefrau waren.", sagt Erwin.

„War es auch normal, dass sie ihm Vitriol ins Gesicht schütten wollte?" fragt Norberto.

„Deshalb nannte er sie "die Maligna", sagt Rigoberto. „In Paris unterschlug sie die Konsulsgehälter, 240 Francs. Sie wollte die Möbel verpfänden, seine Schreibtischausstattung im Louis-XIV-Stil, die aus Tisch und secretaire bestand, 90 Francs, seinen Pleyel-Flügel, er hatte 500 Francs gekostet, es war der größte Schatz, den er besaß.

"Und sie belastete ihn mit Schneiderrechnungen; sogar die Rechnung über einen Zerstäuber für Medizin gegen Mundgeruch schickte sie ihm zur Zahlung, zwei Francs", sagt der Capitán Prío, der um den Tisch herumgekommen ist, um auch im Heft Rigobertos zu lesen.

"Dass er einem Kind die Sehergabe des Dichters gegeben haben soll, indem er ihm den Kopf drückte, scheint mir eine gewaltige Übertreibung", sagt da Erwin.

"Nichts da Übertreibung", sagt der Capitán Prío. "Das Kind rollte auf dem Boden, vom Fieber gepackt. Der gelehrte Debayle behandelte es Monate lang. Es litt an einer Art geistigen Sumpffiebers."

"Wer kann sich dieses Unsinns sicher sein?" sagt Erwin zu ihm.

"Hier ist das Zeugnis des philharmonischen Kapellmeisters Saturnino Ramos, der als Dirigent der Kapelle de los Supremos Poderes am Essen teilgenommen hat", sagt Rigoberto und reicht ihm ein gefaltetes Blatt, das er zwischen den Seiten des Heftes herausgenommen hat.

"Maestro Saturnino ist der schlechteste Zeuge, den du finden kannst, sagt Erwin und überstürzt die Sätze. "Er ist alt und blind und tut nicht anderes als den ganzen Tag auf der Straße Begräbnismärsche zu pfeifen, die ihm durch den Kopf gehen."

"Genau. Es ist als ob er sich ununterbrochen in die Hosen pinkeln würde", sagt Norberto.

"Bedenkt, dass Rubén betrunken war. Ein Mensch im Zustand der Trunkenheit ist zu jeden Unsinn fähig, wie den mit der Dichtergabe," sagt der Goldschmied Segismundo.

"Dann solltest du, um nicht dem Unsinn zu verfallen, diesen nächsten Schluck nicht zu dir nehmen", sagt ihm Norberto.

"Ich trinke, betrinke mich aber nie", antwortet der Goldschmied Segismundo mit nach vorne gerecktem Kinn.

"Der Schwan trank, weil er schüchtern war. Er war ein unsicherer, immer ängstlicher Charakter. Diese Frau, die ihn peinigte, hatte nicht das Recht, sich seine Gemahlin zu nennen", sagt der Capitán Prío.

"La Maligna", sagt der Goldschmied Segismundo. "Sogar das Gesicht wollte sie ihm mit scharfer Säure entstellen. Und er dagegen: ein so galanter Mensch. Ein Fürst."

"Ein Fürst, der immer Schulden beim Schneider hatte. Die Uniform, die er brauchte, um dem König seine Beglaubigung zu übergeben, Vanccopenolle hat sich geweigert, sie ihm nach Madrid zu schicken, weil sie nicht bezahlt war. Er musste mit einer geliehenen Uniform antreten. Oder lüge ich etwa?" sagt Erwin und bittet Rigoberto um eine Bestätigung.

"Lasst uns nicht über die sprechen, die immer nur Teures suchen, Edelsteine und Ähnliches und sich dafür in Schulden stürzen", sagt der Goldschmied Segismundo und schaut dabei mit belustigtem Vorwurf im Blick Norberto an.

"Es war nicht seine Schuld. Man bezahlte ihm sein Gehalt nicht. Er musste den Hof in Madrid verlassen, um nicht länger als ein mittelloser Botschafter dazustehen", sagt der Capitán Prío. "Nicht einmal die Kutscher der Calle de Serrano gaben ihm Kredit für eine Fahrt."

"Und auf diesem Schiff La Provence kam er als Erster-Klasse-Passagier?" fragt Norberto Rigoberto.

"Natürlich", antwortet Rigoberto. "Ich habe eine Biographie, in der das Ticket fotografisch wiedergegeben ist."

"Aber kein einziges Mal war er an den Tisch des Kapitäns geladen", sagt Erwin, "Er reiste eingeschlossen und trank. Die Passagiere der Nachbarkabine, ein Mister Delaney und seine Frau aus New Haven, reichten beim zuständigen Offizier eine formale Beschwerde wegen der Schreie ein, die sie am Schlaf hinderten."

"Delirium tremens", sagt der Capitán Prío.

"Wo hast du das denn her?" fragt Rigoberto Erwin.

"Vertrauenswürdige Zeugen", antwortet Erwin. Auch ich erforsche das Leben des göttlichen Sängers."

"Und dieser Sedano aus Mexico, das war ein Spitzbube", sagt der Capitán Prío. "Er beraubte ihn, betrog ihn, verkaufte auf seinen Namen die Rechte an den Büchern. Ein Gauner."

"1917 haben sie ihn Frankreich erschossen", sagt Rigoberto.

"Und haben sie ihn erschossen, weil er ein Gauner war?", fragt Norberto.

"Wenn sie ihn deshalb erschossen hätten, wäre dieses Land schon entvölkert, mein Freund", sagt der Goldschmied Segismundo.

"Niemand hat ihn erschossen", sagt Erwin.

"Sie haben ihn als Spion der Deutschen erschossen", sagt Rigoberto. Es stellte sich heraus, dass er Agent im Netz der Mata Hari war.

"Er war ein heimlicher Sohn von Maximilian von Österreich. Er trug wie sein Vater einen roten, in zwei Flügel auslaufenden Bart.", sagt der Capitán Prío.

"Alles gelogen", sagt Erwin, lacht und wackelt mit dem Kopf, als ob er den Schwindel verzeihen wolle.

"Hier steht es in meinem Heft, wenn du's sehen willst", entgegnet ihm Rigoberto beleidigt. "Vom Kriegsgericht verurteilt und am 17. November 1917 in Neuilly hingerichtet."

"Ich glaub dir's ja. Morgen zeigste mir's, sagt Erwin zu ihm und richtet sich die Baskenmütze. "Ich muss jetzt weg, ein paar Druckfahnen korrigieren. Es ist schon Nacht."

"Somoza wird ihr Nachbar sein, Capitán. Er wird im Rathaus untergebracht sein", sagte Rigoberto und steckte sein Heft in die Aktentasche, um auch aufzubrechen. Es war eine Aktentasche aus Plastik, eine Krokodilslederimitation.

"Ich habe gesehen, wie sie alle Schreibtische und Aktenschränke aus den Büros geräumt und auf Lastwagen weggefahren haben." sagt der Capitán Prío.

"Es sind Anordnungen von Van Wynckle", sagte Norberto. "Sie werden sogar die Eisenkasse der Filiale des Banco Nicaragüense im Erdgeschoss wegschaffen."

"Es ist eine tiefe Mißachtung für Doña Casimira, die seit einem Monat dabei ist, das Haus anzustreichen, um ihren Schwiegersohn zu empfangen", sagte der Capitán Prío.

"Wer ist dieser Van Wynckle?" fragte der Goldschmied Segismundo.

"Ein Experte, den die Gringos her geschickt haben, damit er sich um die Sicherheit von Somoza kümmern soll." sagte Erwin und stand auf.

"Sogar eine schusssichere Weste hat er ihm als Geschenk von Eisenhower mitgebracht", sagte Norberto.

"Edgar Hoover, der Chef des FBI, war es, der ihm diese Weste geschickt hat", sagte Rigoberto. "Die Panzerung besteht aus einem Stahlmaschengeflecht, sie ist in waschbares Nylon eingearbeitet. Sie wiegt ein Kilo und 200 Gramm und hält 45- Magnum-Geschosse auf.

"Das notierst du besser nicht in dein Notizbuch"; sagte ihm der Capitán Prío mit leiser Stimme.

"Das sind Dinge, die sowieso in den Zeitungen stehen", sagte Rigoberto Schulter zuckend.

"Jetzt trägt Somoza protzig den letzten Schrei der Mode, mit seiner schusssicheren Weste," sagte Norberto.

"Diese Büffel mit den Silberzähnen", rief von oben der Goldschmied Segismundo und öffnete die Arme , "Paten eines solchen Gangsters, der ohne einen Arsch zu haben, ganz Nicaragua beschissen hat."

"Wieso hat Somoza keinen Arsch?", sagte Norberto lachend, nachdem er sich vergewissert hatte, dass gerade niemand auf der Straße vorbeiging.

"Sie haben ihn ihm in der Oschner-Klinik in New Orleans entfernt und werden ihn nie wieder einsetzen", sagte der Goldschmied Segismundo.

"Die politische Leidenschaft bringt euch dazu, Beleidigungen wie diese zu erfinden." sagte Erwin zu ihm.

"Beleidigungen?" erwiderte der Goldschmied Segismundo. Der kackt durch den Bauch, mit Hilfe einer Gummiklappe. Es ist allerdings ein Staatsgeheimnis."

"Ein Staatsgeheimnis, das man nur an diesem Tisch kennt", sagte Norberto.

"Wie schade", sagte der Capitán Prío mit einem Blick auf die Glut seiner Zigarette. "Da hat einer so viel Moos und kann nicht scheißen, wie er will, wenn er auf seinem geruchslosen Klo aus massivem Gold sitzt."

"Man nennt das Kolestectomie", sagte Rigoberto und nahm dabei wieder sein Heft heraus. Aber auf der Seite, auf der er nachschlug, stand nichts. "Entfernung des Analtrakts und Einrichtung eines künstlichen Anus nach der Methode von Charles Richet."

spanischer Originaltext / al texto original en español

→ Zusammenfassung und Inhalt des Romans / presentación y resumen de la novela


spanische Originalausgabe: Sergio Ramírez: Margarita está linda la mar, Alfaguara, Madrid 1989
© 1998 Sergio Ramírez, Managua
© Für die Übersetzung: 2007 Otto Oetz, Köln